CrowdFarming – alle für einen, einer für alle

CrowdFarming – ein Trend zu mehr Nachhaltigkeit und weniger Lebensmittelverschwendung.
Ein Erfahrungsbericht.

CrowdFarming – der Megatrend für nachhaltig und sozial denkende Konsumenten

Wie gut klappt das eigentlich? Ein Erfahrungsbericht.

CrowdFarmingder Megatrend für nachhaltig und sozial denkende Konsumenten. Immer wieder wurde mir die Werbung aufgespielt in den sozialen Medien. CrowdFarming wurde offensiv beworben. Meine Neugier war zwar geweckt, weil ich die Grundidee dahinter ziemlich gut fand, aber ich zögerte noch ein wenig. Bis eines trüben Oktobertages die verlockenden Clementinen und Orangen auftauchten und ich so an die nebeligen und dunklen Tage des Winters dachte, an denen es an Vitamion C und D mangelt.

Was ist das Besondere an CrowdFarming?

Unter CrowdFarming versteht man eine Form des Konsums, bei der die große Masse – die Crowd – die landwirtschaftlichen Betriebe und Erzeuger trägt, in dem sie die dort produzierten Erzeugnisse direkt kauft. Ohne Zwischenhändler und mit dem vollen Risiko, welches die Landwirtschaft nunmal birgt. Zu kleine Ernten oder gar komplette Ernteverluste trägt die Crowd solidarisch und nimmt dem Erzeuger so das Risiko eines Totalverlustes ohne Wertausgleich. Viele Schultern tragen die Last und helfen so in einer solidarischen Gemeinschaft für mehr Gerechtigkeit und weniger Lebensmittelverschwendung.

CrowdFarming Mandarinen in der Pappkiste
Die Clementinen wurden in einer stabilen Pappkiste versandt und das obligatorische grüne Blatt diente als Frischebeweis.

Bella und Bionda

Wie schön wäre es dann, sich leckere saftige süße Clementinen und Orangen schmecken zu lassen. Und nicht nur eine oder zwei, nein, eine deutlich größere Menge. Das Wasser lief mir im Munde zusammen und langsam machte ich mich mit der CrowdFarming-Seite vertraut…

Was soll ich sagen: ich adoptierte eine halbe Clementine und einen halben Orangenbaum, direkt in Spanien bei zwei Bioanbauern. Ich nannte sie Bella und Bionda. Natürlich war die Angelegenheit nicht gerade billig, aber Bio hat halt auch in Spanien seinen Preis. Und die Shippingkosten von 17 Euro pro Kiste schlagen auch kräftig zu Buche. Ich hatte insgesamt 7 Kisten bestellt. Es schmerzt schon ein wenig, wenn das Geld weit im Voraus von meinem Konto verschwindet, ohne dass man einen direkten Nutzen davon hätte. Dennoch: die Spannung stieg, jeder Liefertag wurde im Kalender angestrichen, sehnsüchtig zählte ich die Tage ab.

Endlich November!

Was war die Freude groß, als die erste Pappkiste mit Clementinen im November zu dem gewünschten Termin eintrudelte. Voll bepackt blinzelten die Clementinen aus den Luftlöchern und verbreiteten einen betörenden Duft. Dem Postboten hatte ich schon angedroht, dass er jetzt öfter würde kommen müssen, denn ich hatte die Lieferungen so getimet, dass alle 14 Tage eine neue Kiste aus Spanien zu uns gesendet wurde.

Und wie waren die Clementinen lecker! Sie hatten einen unglaublichen Geschmack, sie waren sehr süß, sehr saftig und von ausgesprochen guter Qualität. Ich bereute nicht eine Sekunde meine Adoptionsentscheidung. Wir aßen sie in großen Mengen und konnten gar nicht genug bekommen. In jeder Kiste waren 60 bis 70 Stück. Wir waren gut beschäftigt mit ihnen.

Saftige Orangen aus der hand essen
Immer eine feuchte Angelegenheit – Orangen aus der Hand essen.

Aber dann passierte es: die letzte der vier Kisten Clementinen wurde abgesagt. Es gab eine E-Mail mit einer Erklärung von dem Erzeuger. Er entschuldigte sich und erklärte, warum er nun keine Clementinen mehr schicken könne. In den letzten Wochen war derart viel Regen auf sein Land gefallen, dass ihm die Ernte verfaulte bzw. die Clementinen nicht mehr reif wurden. Das konnte ich nachvollziehen, denn ich hatte das Wetter wie immer beobachtet und die schweren Regenfälle in Südeuropa schafften es sogar in die deutschen Nachrichten. Es waren sintflutartige Regenfälle…

Was passierte mit meinen schon geleisteten Zahlungen?

Nun, die letzte Kiste Clementinen bekam ich nicht erstattet, denn das ist das Risiko, welches jeder Baumpate eingeht. Aber die Shippingkosten wurden mir in voller Höhe erstattet. Immerhin das. Es ist zwar ärgerlich, aber ich konnte die Situation durchaus nachvollziehen. Wären ich und andere nicht als Crowdfarmer eingetragen, würde der Erzeuger auf seiner Missernte und seinen Kosten sitzen bleiben, ohne jegliche Unterstützung. Das Kollektiv aus vielen AdoptiererInnen aber verteilt die Lasten auf viele Schultern und das ist der Sinn von CrowdFarming. Das Prinzip ist ein solidarisches, alle Beteiligten tragen gemeinsam die Kosten der Produktion. Durch die Direktvermarktung wird zudem dem Wegwerfen von Lebensmitteln entgegengewirkt – ein ebenfalls sehr überzeugender Grund für CrowdFarming. Durch die größeren Verpackungseinheiten wird zudem Material eingespart.

Waffeln mit Orangenzesten und warmen Orangenspalten
Waffeln mit Orangenzesten und warmen gezuckerten Orangenspalten. So viele Orangen bieten Platz für neue Kreationen.

Orangen satt

Mit den Orangen klappte dagegen alles bestens. Sie kamen pünktlich und ohne jedwede Komplikationen. Sie schmeckten ebenfalls sehr gut, waren süß und saftig und die Menge hat uns fast erschlagen. Jeden Tag aßen wir mehrere Orangen, einfach so aus der Hand und ohne Schnick und Schnack. Es war der volle Genuß des Südens, man spürte die spanische Sonne und die Qualität war umwerfend. Wir machten auch Orangen-Grießkuchen.

Hier geht es zum Rezept Orangen-Grießkuchen.

Für mich war es eine Premiere, aber dieser Kuchen gehört nun zu meinem festen Repertoire. Teilweise aßen wir die Schale mit, teilweise warfen wir sie weg. Aber das ist eigentlich zu schade, weshalb ich dieses Jahr auch die Schale trocknen werde, um sie im Laufe des Sommers für Getränke, Süßspeisen und andere Gerichte als Gimmick zu verwenden.

Machen wir weiter?

Ja, wir werden es wieder tun. Auch für den Winter 2020/21 habe ich mir einen halben Orangenbaum adoptiert. Dieses Mal bekommen wir von Angelo und seinem Sohn Renato aus Sizilien unsere Bioorangen. Letzte Woche kam die erste von vier Kisten. 59 Stück waren verpackt, große und kleine gemischt, drei musste ich sofort wegschmeißen, da sie den Transport nicht überstanden haben. Damit rechnen die Erzeuger und packen gleich ein paar mehr Orangen in die Kiste. Wie immer lag ein Begleitschreiben in der Kiste, auf dem über das Produkt informiert wurde.

Unter anderem stand dort: „Danke, dass du diese soziale und landwirtschaftliche Revolution namens CrowFarming unterstützt. Wir möchten die beste Qualität erzielen und kämpfen gegen Lebensmittelverschwendung.“

Orangenzesten herstellen
Zu schade zum Wegschmeißen – die Orangenschalen werden jetzt auch noch irgendwie verwertet.

Schalen verwerten

Und dieses Mal stand auch noch ein nettes Weihnachtsrezept mit drauf. Torrone Siciliano con Scorza d’Arancia – Mandelbonbons mit Orangenschale. Voila, da kann ich dann die Schale verwenden. Ich habe es gleich ausprobiert. Bei mir sehen die Torrone etwas anders aus und erinnern eher an gebrannte Mandelstifte. Aber sie schmecken und haben diese leichten Orangennote.

Hier ist das Rezept für die Torrone:

Mandeln und Zucker zu gleichen Teilen in einer Pfanne erhitzen. Wenn alles geschmolzen ist und die Mandeln von Zucker umhüllt gibt man die Orangenzesten von ein bis zwei Orangen dazu. Gut verrühren und vor dem endgültigen Auskühlen in die gewünschten Größen schneiden. Lecker!

An die Clementinen habe ich mich erstmal nicht mehr rangetraut, da ja der kommende Winter auch wieder zu nass sein könnte. Der Klimawandel lässt grüßen, er schickt mehr und heftigere Niederschläge in den Süden Europas. Ich werde die Sache beobachten und steige vielleicht nächstes Jahr wieder ein.

Torrone Mandelbonbons
Die sizilianischen Torrone – erster Versuch!

Kann ich CrowdFarming empfehlen?

Wer das Risiko nicht scheut und die ErzeugerInnen vor Ort direkt unterstützen möchte sowie sehr gute Qualität schätzt, für den könnte Crowdfarming eine gute Alternative zu herkömmlichen Einkäufen sein. Jede Orange kostete uns etwa 80 Eurocent, die Clementinen etwa 60 Cent. Für diese hohe Qualität ein angemessener Preis, den man sich aber auch leisten können muss.

Was mir nicht so gut gefällt?

Die Shippingkosten finde ich zu hoch. Ich habe mich gefragt, ob man nicht lieber mit großen LKWs voll loser Ware nach Deutschland fahren und hier erst in die Kisten verpacken kann, um sie dann zu versenden. Wahrscheinlich ist das aber eine große logistische Herausforderung, die die vielen Einzelbetriebe (noch) nicht organisieren können. Hier könnte die Crowdfarming-Erzeugergemeinschaft noch nachbessern.

Die n 2019 ausgefallene Clementinenkiste hätte mir in 2020 noch einmal angeboten werden können. Von mir aus zu einem Sonderpreis plus Shippingkosten. Aus meinen Beobachtungen weiß ich, dass genügend Clementinen am Markt waren in dieser Saison. Da könnte die Plattform noch nacharbeiten.

Worin besteht der Vorteil für die Crowd oder jeden einzelnen, der sich dazu entschließt, ein Abo abzuschließen?

Es gibt keine 100% ige Garantie für die Lieferung der bestellten Produkte. Das Risiko trägt jede/r einzelne AbonentIn. Zu Beginn der Saison sucht man sich einen Baum oder das Produkt aus und lässt sich dieses vormerken. Zu diesem Zeitpunkt weiß der ErzeugerIn noch nicht, ob sein7ihr Produkt fertig wird oder wie sein/ihr Produkt aussehen wird. Er/sie gibt sich die größte Mühe und wirtschaftet nach bestem Wissen und Gewissen, oft biologisch und nachhaltig orientiert, aber in die Zukunft sehen kann er/sie nicht. Der KäuferIn sichert sich die Option für das Produkt, kann sich oftmals auf ein ressourcenschonendes Produkt freuen, erwirbt es direkt vom ErzeugerIn und unterstützt ihn damit direkt vor Ort. Es gibt keine Zwischenhändler, das Geld landet direkt beim ErzeugerIn. Das Shipping, also der Versand muss vom KäuferIn zusätzlich bezahlt werden und den Versandtermin darf er sich aussuchen. Er muss allerdings in der vorgegebenen Erntezeit liegen, was ja auch logisch ist. Mit E-Mails wird der Kunde regelmäßig über die Produkte informiert. Man fühlt sich nicht alleine gelassen.

Autor: Beatrix Schulte

Fotografin, Künstlerin, Autorin. Die Fotografie und das Schreiben ist für mich nicht nur Beruf, sondern auch Berufung. Ich lebe seit 24 Jahren auf einem Resthof in der Gemeinde Stadland zusammen mit meinen Pferden, zwei Hunden und meinem Liebsten. Wir haben ein 28.000 m² großes naturnahes Grundstück, auf dem wir tagtäglich nachhaltig zu leben versuchen und auch den Wildtieren und Wildpflanzen um uns herum einen Raum zum Leben zu gönnen. Hier wird Permakultur mit Waldgartencharakter betrieben.

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