Das böse Wort mit N

Der Begriff Nachhaltigkeit begegnet uns inzwischen sehr häufig. Was verbirgt sich dahinter? Wer setzt ihn ein? Was ist seine eigentliche Bedeutung? Wie können wir ihn für uns nutzen?

Wie ein althergebrachter Begriff, die Nachhaltigkeit, ideologisch aufgeheizt wird

Die Angst vor der Nachhaltigkeit geht um … zumindest in einigen Teilen der Bevölkerung.

Woher kommt sie? Ist sie berechtigt? Werden wir mit ihr umgehen lernen? Diesen Fragen gehe ich hier mal auf den Grund. Vielleicht lassen sich ja so Ängste abbauen und neue Sichtweisen etablieren. Man(n)/frau soll ja die Hoffnung nicht aufgeben.

Ideologiegeladen

Es gibt Menschen, die beim Wort Nachhaltigkeit mehr als nur zusammenzucken. Sie verbinden es mit Verzicht und Einschränkungen, vielleicht auch mit verlorenen, liebgewonnenen Gewohnheiten und letztlich mit dem Verlust eines unbeschwerten Lebens.
Nachhaltigkeit bedeutet für diese Menschen etwas grundsätzlich Negatives. Sie ist anstrengend und unbequem. Etwas, das man zum Lebensglück nicht braucht und das einem im Zweifel sogar ein schlechtes Gewissen macht. Weg damit?

Wer nicht gerade grün denkt, sieht darin auch die feindliche, politische Ideologie, die man per se ablehnen muss, da das politische Lagerdenken es verlangt. Man möchte nicht grün oder links verortet werden, egal wie vernünftig die Argumente für Nachhaltigkeit auch sein mögen.

Der Ursprung

Dabei ist Nachhaltigkeit ein zutiefst konservativer Begriff, betrachtet man mal seinen Ursprung. Er stammt aus der Forstwirtschaft und wurde 1713 von Hans Carl von Carlowitz kreiert, der damit die nachhaltige Nutzung der Wälder beschrieb und so einen neuen Weg aufzeigte.
Es ist das Wort nachhalten darin enthalten. Nachhalten, was war, was ist und was weiter genutzt werden kann. Reflektieren, was die Vergangenheit hervorgebracht, die Gegenwart benutzt und in der Zukunft benötigt werden könnte. Das sind zutiefst konservative Gedankenwelten. Nachhaltig zu leben, zu arbeiten und zu essen bedeutet: alte Dinge weiterbenutzen, upcyclen, selber herstellen, regional konsumieren. Und das wie selbstverständlich und ohne jeglichen Krampf und jedwede Anstrengung. Also so wie früher! So wie Oma gegärtnert und eingekocht hat, so wie Opa seine Geräte und Werkzeuge repariert, so wie die Großtante alte Kleider umgeändert und als auch das nicht mehr ging, Putzlappen daraus hergestellt hat.

Öfter mal etwas selber herstellen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten – das ist ressourcenschonend und im besten Fall ein erfüllendes Projekt. Foto Beatrix Schulte


Es gäbe viele weitere Beispiele, in denen wir erkennen können, wie sehr die Nachhaltigkeit in unserer Gesellschaft verankert war. Nur war dieser Begriff eben nicht in Mode und in aller Munde. Und er war nicht politisch aufgeladen. Es war eine gelebte Selbstverständlichkeit, die im Laufe der Jahrzehnte durch mehr Wohlstand erstens vergessen und zweitens später von der Industrie benutzt und uminterpretiert wurde. Politiker jeglicher Couleur bedienten sich in jüngster Vergangenheit und formten daraus ihren fortschrittlichen Blick auf die Zukunft.

Nachhaltigkeit ist keine neue Form des Lebens, sie ist altbekannt, leider durch modernes Konsumverhalten überlagert, aber dennoch ein Schatz für die Zukunft, wenn wir es richtig angehen.

Ablehnen oder integrieren?

Die Angst vor Nachhaltigkeit kann also nicht aus dem eigentlichen Wortkontext heraus entstehen. Sie wurde von verschiedensten Parteien und Organisationen so instrumentalisiert, dass sie in einigen Teilen der Bevölkerung zu einem angstbesetzten negativen Begriff geworden ist. Wie oft rollen die Augen beim Wort Nachhaltigkeit? Wie oft hört man ein leises Stöhnen?

„Der Mangel an Nachhaltigkeit zeigt sehr viele Symptome, die wir heute schon spüren. Der Klimawandel ist nur eines davon“, erklärte Klimaforscher Mojib Latif bereits 2018 vor den Elektrizitätswerken Schönau. Und schon vor 50 Jahren waren die klimarelevanten Zusammenhänge bekannt (siehe Club of Rome 1972). Seitdem hat sich einiges gewandelt, aber nicht unbedingt zu mehr Nachhaltigkeit geführt.

Das ist nicht gut, denn Nachhaltigkeit kann Spaß machen, tut nicht weh, ist zukunftsorientiert und enkelfreundlich. Sie verbindet die Vergangenheit mit der Zukunft. Es gibt keinen Grund beim Begriff Nachhaltigkeit wegzuducken, zu verdrängen oder zu negieren.

Selbermachen, statt neu kaufen! Auch kleine Taten tragen zu mehr Nachhaltigkeit bei. Foto Beatrix Schulte

Sparfüchse werden

Wer nachhaltig lebt, spart Geld, schont die Umwelt, lebt ressourcenschonend. All das spielt uns in die Karten, denn wir alle lieben die Natur, wollen nicht auf alles verzichten, wollen genussvoll leben. Wer nachhaltig lebt, zahlt nicht drauf, wie vielfach behauptet wird, er spart ein, hat mehr übrig am Monatsende. Wer weniger kauft, Altes repariert, aus Alt Neu macht, der spart Geld.

Letztlich richtet sich die Nachhaltigkeit gegen die unreflektierte Konsumgesellschaft. Sie ist ein Gegenentwurf zum Turbokapitalismus. Es sind Antipoden ohne eine Kompromisslösung. Und genau davor hat unsere Gesellschaft und vor allem die produzierende Gesellschaft mächtig Angst. Sie ist es, die Narrative formuliert, in denen die Nachhaltigkeit als Ökospinnertum abgetan wird. Neuerdings ist es trotzdem schick geworden, sich als Produzent den Nachhaltigkeitsstempel aufzusetzen und damit dann wieder gute Geschäfte zu machen. Denn vor allem in der städtischen Bevölkerung kommt das gut an. Es steigert dort den Konsum und wirkt dort nicht so abschreckend. Es ist hip, en vogue und in!

Einen Titel haben wir immer: Wir sind Müllweltmeister. Zur Nachhaltigkeit gehört dringend auch die Müllvermeidung. Foto-Collage Beatrix Schulte

Weg mit dem 1-Euro-Ramsch

Die Produzenten von überflüssigen Dingen sind die eigentlichen Verlierer eines weltbewegenden Nachhaltigkeitsgedanken. Und genau deswegen versuchen sie massiv gegenzusteuern. Denn wir haben uns an eine schnelllebige Konsumgesellschaft mehr als gewöhnt. Wir wurden darauf trainiert über Jahre und Jahrzehnte und abhängig gemacht. Abhängig zum Beispiel von bestimmten Energien, weil mächtige Firmen und Konzerne sehr viel Geld daran verdienen. Die Quittung bekommen wir gerade ausgestellt.

Wenn Blasen platzen

Nachhaltigkeit lässt uns dagegen aus der Konsumblase plumpsen, als ob sie jemand mit einer spitzen Nadel aufgestochen hätte. Das tut weh, das hält uns den Spiegel des Scheiterns vor und das lässt uns hinter der Blase her jammern, wie ein Kleinkind nach seiner soeben in den Brunnen gefallenen Lieblingspuppe. Ja, so ist das eben, wenn man es sich so richtig gemütlich gemacht hat in seinem täglichen Konsum und dann plötzlich mit einer anderen Idee, einem anderen Narrativ konfrontiert wird.

Sich Fehler einzugestehen, fällt ohnehin den meisten Menschen schwer und wer sagt auch, dass der Konsum ein Fehler ist. Tja, wer sagt das eigentlich?

Bestimmte Teile der Gesellschaft wollen einen ausgesprochen lebhaften Konsum, eine starke Kaufkraft, willige Bürger, die dem fast blind folgen. Von einem lebhaften Konsum hängt in unserer Form der Gesellschaft und des Zusammenlebens alles ab. Das ist über Jahrzehnte so entstanden und auch politisch so gewollt. Die Nachhaltigkeit grätscht da quer rein, stellt Fragen, zeigt Alternativen auf und macht eben dadurch auch Angst.

Bequemlichkeiten gibt der Mensch ungern auf, vom Konsum kann er nur schwer ablassen. Veränderungen bitte nur in kleinen Schritten und homöopathischen Dosen. Kein großer Wurf, keine radikalen Ansätze, kein Herumschubsen bitte. Lass mich zufrieden, ich habe andere Sorgen. Alles ist schon schwer genug.

Qualität statt Quantität – kriegen wir das hin? Grafik Beatrix Schulte

Entdecke deine neue Sucht

Was, wenn ein nachhaltiges Leben Erleichterung bringt, Entspannung, Zufriedenheit, einen ungeahnten Wohlfühlmoment? Was, wenn es gar nicht so anstrengend ist, wenn es sogar anspornt, mehr davon haben zu wollen? Auch Nachhaltigkeit kann zu einer Sucht werden, nur ist diese Form der Sucht deutlich besser für unseren Planeten, für unsere und alle anderen Spezies und somit logischerweise auch für die viel zitierten und beschworenen Enkel, die ja in 50 oder 100 Jahren auch noch ein genussvolles Leben bestreiten möchten.

Der Begriff Nachhaltigkeit schafft heute noch oft Verwirrung, ist nicht gerne gesehen und oftmals negativ besetzt. Wobei man dazu sagen muss, dass dies sehr davon abhängig ist, wo und wie man lebt. In Städten ist nachhaltiges Leben hip, auf dem Lande ist diese Philosophie eher ein Flop. Unter jungen Menschen ist es angesagt, Alte denken dabei an Verzicht, was für sie ebenfalls ein negativer Begriff ist. Verzichten mussten sie als Kinder und Jugendliche, manchmal auch noch als Erwachsene. Die Kriegs- und Nachkriegszeiten waren in dieser Hinsicht prägend. Kein Wunder, dass das Mantra des ewigen Konsums und des damit vermeintlich verbundenen Wohlstandes so gut in der Bevölkerung verfing.

In zehn oder 20 Jahren wird sich das Problem der Angst vor der Nachhaltigkeit langsam von selbst erledigen. Die Alten sind dann tot, die Erwachsenen haben es eingesehen, die Jungen haben es von klein auf verinnerlicht. Die Produzenten verkaufen nur noch, wenn es nachhaltig und fair ist, Produktionswege nachvollziehbar und transparent sind. Und zwar lückenlos und ohne das Feigenblatt des CO2 – Zertifikates.
Was hält uns davon ab, nicht trotzdem heute schon konsequent damit anfangen?
Auf eine gute Zukunft für unseren Planeten und unsere Enkel!

Was bedeutet für euch Nachhaltigkeit? Schreibt es in die Kommentare.

Autor: Beatrix Schulte

Fotografin, Künstlerin, Autorin. Die Fotografie und das Schreiben ist für mich nicht nur Beruf, sondern auch Berufung. Ich lebe seit 24 Jahren auf einem Resthof in der Gemeinde Stadland zusammen mit meinen Pferden, zwei Hunden und meinem Liebsten. Wir haben ein 28.000 m² großes naturnahes Grundstück, auf dem wir tagtäglich nachhaltig zu leben versuchen und auch den Wildtieren und Wildpflanzen um uns herum einen Raum zum Leben zu gönnen. Hier wird Permakultur mit Waldgartencharakter betrieben.

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