Die Haare einer leckeren Nuss

Kokosbürste schrubbt Karotten, Möhren, Kartoffeln, Topinambur und andere Wurzeln.
Ob Möhren, Kartoffeln oder Topinambur, meine Kokosbürste schrubbt sie alle.

Meine Kokosbürste wird 29

Vor nunmehr fast 30 Jahren – es muss Anfang der 90er gewesen sein – kaufte ich mir bei einem heute noch existierenden Ökoversandhandel unter anderem eine Gemüsebürste aus Kokosfasern. Sie wurde als robust und zuverlässig beschrieben. Ich zog aus dem Päckchen eine etwas hartborstige und leicht stachelige unspektakuläre dunkelbraune Bürste. Nie hätte ich mir damals träumen lassen, dass ich sie noch heute fast genauso gut benutzen kann.

Das Ding hat etliche Möhren, Kartoffeln und dreckige Finger geschrubbt – ohne Murren und ohne je einen dieser komischen „Stacheln“ zu verlieren. Auch hygienisch scheint meine Kokosbürste ein wahres Wunderwerk zu sein. In all den Jahren setzte sich niemals ein sichtbarer Schimmel fest. Sie trocknet nach Gebrauch relativ schnell und ohne Feuchtigkeit hat es auch der Schimmel nicht leicht. Ab und zu gönnte ich ihr eine Dusche mit flüssigem Handreiniger, mehr um mein Gewissen zu beruhigen als aus echtem Verschmutzungsanlass. Leider weiß ich den Kaufpreis nicht mehr, aber ich vermute, es waren um die zehn DM.

 

Sonne, Wasser, Strand und die Kokospalme gehören einfach zusammen.
Wie hier in Mexiko sind Kokospalmen hübsche Strandbegleiter und eine der beliebtesten Bildmotive für das Erinnerungsfoto der Touristen.

Eine Multifunktionsfrucht aus den Tropen

Kokosfasern sind die äußere Umhüllung der Kokosnuss. Angeblich können Fasern von unreifen Früchten zu Garnen und Geweben verarbeitet werden. Fasern reifer Früchte haben einen höheren Holzanteil und werden für Bürsten eingesetzt. Das Internet weiß außerdem: Kokosfasern bestehen zu 45 % aus Lignin und zu 44 % aus Zellulose. Die Fasern seien sehr dehnbar, fest und langlebig. Neben ihrer hohen Abnutzungsbeständigkeit seien die Fasern auch unempfindlich gegen Pilz- und bakteriellen Befall und könnten monatelange Feuchte überdauern, ohne sich zu zersetzen.

Das deckt sich zu 100% mit meinen Beobachtungen. Auch wenn ich meine Kokosbürste wochen- oder monatelang nicht angesehen habe, ist sie bei erneutem Gebrauch wie neu.

Was die Fasern vermutlich für die Industrie spannend machen könnte, sind ihre isolierenden, schallschluckenden, antistatischen und schwer entzündlichen Eigenschaften.

Erzeugnisse aus Kokosfasern sind Seile, Matten, Teppiche und Wandverkleidungen (Wärmedämmung), Fußmatten, Körbe, Hüte, Teppiche oder sie werden als Polstermaterial für Matratzen oder Autositze verwendet.

Seit kürzerer Zeit werden Kokosfasern auch als Verstärkungselemente für naturfaserverstärkte Kunststoffe eingesetzt. Für Türinnenverkleidung im Fahrzeugbau und Waschbecken etwa. Auch zu Blumenerde werden die Kokosfasern verarbeitet. Dafür finde ich diesen Tausendsassa allerdings zu schade, zumal die Fasern aus Sri Lanka, den Philippinen, Indien, Indonesien und Malaysia eingeführt werden. Wer einen so weiten Weg zurücklegt, sollte einer höheren Wertigkeit zugeführt werden.

 

Die Kokosnuss ist eine vielseite Frucht aus den Tropen. Ihr Öl ist gesund, ihr Felisch lecker, ihre Fasern nützlich.
Die Kokosnuss liefert Fette, Milch, Fleisch (Raspeln) und die robusten Fasern.

Kokosöl zum Backen und Cremen

Die meisten von uns kennen Kokosnüsse vor allem als Nahrungsmittel. Es gibt sie als getrocknete Raspeln, Milch und Öle, die aus vielen gesättigten Fettsäuren bestehen. In Kosmetika wird sie gerne verwendet und bei meinen Hunden hält das Öl die Ektoparasiten in Schach.

Die Kokospalme ist eine sehr alte Kulturpflanze des Menschen und wird schon seit 3000 Jahren genutzt. Sie ist in den Tropen bildprägend und sorgt für Strandfeeling und Urlaubsvergnügen. Heute liefert die Kokospalme rund 8 % des Weltpflanzenölbedarfes. Das Kokosöl ersetzt in geringen Mengen das umstrittene Palmöl, die Kultivierung liefert mit 0,7 Tonnen pro Hektar aber deutlich weniger Ertrag als die Ölpalme (3,3 Tonnen pro Hektar) und ist deshalb nicht so wirtschaftlich. Würden wir auf Palmöl verzichten, müsste noch viel mehr Fläche für den Anbau von Ölfrüchten geopfert werden. Besser und nachhaltiger ist es, ganz auf diese tropischen Öle zu verzichten. Wir verfluchen heute gerne mal das Palmöl, vergessen dabei aber schnell, dass es an ökologischen Alternativen fehlt. Die Lebensmittelindustrie hat sich gänzlich auf Palmöl eingeschossen. Es steckt in nahezu jedem Produkt, ob wir wollen oder nicht.

Auf die nächsten 30 Jahre

Meine kleine borstige Bürste jedenfalls hat ihren Zweck mehr als erfüllt. Obwohl sie ein wenig zerzaust aussieht und ihre Fasern mittlerweile nicht mehr ganz so gerade dastehen und ihre Reinigungswirkung beim Abschrubben von Gemüse nicht mehr ganz so intensiv wie noch vor einigen Jahren ist, werde ich dieses exotische Helferlein in Ehren halten und weiter benutzen.

Autor: Beatrix Schulte

Fotografin, Künstlerin, Autorin. Die Fotografie und das Schreiben ist für mich nicht nur Beruf, sondern auch Berufung. Ich lebe seit 24 Jahren auf einem Resthof in der Gemeinde Stadland zusammen mit meinen Pferden, zwei Hunden und meinem Liebsten. Wir haben ein 28.000 m² großes naturnahes Grundstück, auf dem wir tagtäglich nachhaltig zu leben versuchen und auch den Wildtieren und Wildpflanzen um uns herum einen Raum zum Leben zu gönnen. Hier wird Permakultur mit Waldgartencharakter betrieben.

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